You are currently viewing Aus dem Leben eines Legasthenikers

Aus dem Leben eines Legasthenikers

Kennt ihr diese optischen Täuschungen, wie das Bild von der alten und der jungen Frau? Zunächst sieht man nur die alte Frau und erst wenn man länger hin schaut, oder wenn einen ein anderer darauf aufmerksam macht, sieht man die junge Frau. Ungefähr so ist es Legasthenie zu haben ich kann hundertmal das gleiche Wort lesen und übersehe trotzdem einzelne Buchstaben. Ein Beispiel: jahrelang habe ich Legasthenie ohne h geschrieben.  

Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass der Einfall, den Fachbegriff für Lese-Rechtschreibstörung mit th und ie zu schreiben, nur von einem bösartigen Sadisten stammen kann.  

Abgesehen davon hat sich das Leben eines Legasthenikers seit den Siebzigern, in denen die Lese-Rechtschreibstörung erstmals offiziell anerkannt wurde, stark verbessert. (1) 

Unsere Rechtschreibung wird nicht bewertet, wir bekommen Zeitverlängerungen und es gibt nur noch sehr wenige Menschen die uns für dumm und faul halten. Du bist nicht dumm, das wurde mir gegenüber immer wieder betont und ja, ich weiß, dass ich nicht dumm bin. Eigentlich weiß ich das, aber der Drittklässlerin die ein Diktat raus bekam, auf dem mehr rote Tinte als blaue zu sehen war, fiel das schwer zu glauben und der Zwölftklässlerin, die nachfragen muss wie man Schraubenzieher schreibt oder die sich beim Vorlesen von einem einfachen Text zehnmal verhaspelt, fällt das manchmal immer noch schwer.  

Dabei hilft es auch nicht, dass es immer Leute geben wird die einen nicht verstehen, wie meine ehemalige Klassenkameradin aus der Grundschule, die einmal zu mir sagte sie hätte auch gerne Legasthenie, da man da mehr Zeit in Proben bekommt. Ich weiß nicht mehr was ich ihr geantwortet habe, wahrscheinlich gar nichts. Ich war damals noch sehr schüchtern. Aber ich weiß ganz genau was ich ihr gerne gesagt hätte. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass sie keine Ahnung habe, dass man Legasthenie ja nicht nur in der Schule hat, wenn es einem gerade passt sondern immer, sein Leben lang. Das ich jedes Mal wenn ich an die Tafel schreiben muss, auf ein Plakat, Geburtstagskarten oder auf irgendetwas, das andere zu sehen bekommen Schweißausbrüche bekomme. Das ich manchmal immer noch b und d verwechsle und  dass ich bei Aufsätzen ganze Abschnitte umbaue, nur weil ich keine Ahnung habe, wie ein Wort geschrieben wird. Das die Zeitverlängerung bei LRS ungefähr so positiv sei wie eine Brille bei Kurzsichtigkeit. Anschließend hätte ich ihr gerne ein sehr dickes, schweres Buch an den Kopf geworfen, das ich zu der Zeit garantiert nicht hätte lesen wollen. Aber zumindest war ich nie alleine damit, denn  meine Eltern haben sich beide immer schwer mit Rechtschreibung getan und meinen drei Geschwistern wurde ebenfalls Legasthenie attestiert. Der ultimative Beweis dafür, dass Legasthenie genetisch vererbt wird.  

Aber hey es hat auch nicht nur Nachteile. In Gruppenarbeiten beim Schreiben von Handouts und Präsentationen kann man immer noch die Legasthenikerkarte ziehen. Nicht das ich das jemals ausnützen würde.