Von Unwettern und Achterbahnfahrten unserer Psyche

Von Unwettern und Achterbahnfahrten unserer Psyche

BERG & MENTAL – Deutschlands erstes „Mental-Health-Café“, ein inklusiver Ort, der viel Bereicherndes bewirken kann 

Psychische Gesundheit ist wie das Wetter: sie ist immer da, jeder ist davon betroffen, es gibt kein „nicht-Wetter“ und welches Wetter wir angenehm und welches unangenehm finden, ist letztlich auch Typsache. Manche Menschen finden Schnee total super, gehen Skifahren oder machen eine Schneeballschlacht, während andere sich mit Heizdecke im Bett verkriechen und jammern, wie kalt und nass es draußen sei. 

Manche Menschen erleben von klein auf viele Stürme und heftige Unwetter und stecken dies gut weg, während andere bei jedem Regenschauer zu verzweifeln scheinen. 

Genauso ist es auch mit der Psyche des Menschen, sämtliche Empfindungen und auch die Toleranz von Misserfolgen oder schlimmen Ereignissen ist individuell absolut unterschiedlich. 

Denn wir alle haben eine Psyche und diese hat stets auch Schwankungen. Das ist erstmal ganz normal. 

Allerdings ist die Dimension dieser Schwankungen bei Menschen mit psychischer Erkrankung eine völlig andere. Man kann es sich in etwa vorstellen wie bei einer Achterbahnfahrt. Bei psychisch gesunden Menschen ist es ein stetiges Auf und Ab, hingegen liegt der Unterschied bei einer erkrankten Psyche in den Intervallen, in denen sich die Achterbahn bewegt. Beispielsweise bewegt sich ein depressiver Mensch lange Zeit relativ bodennah und kommt selten mal in größere Höhe. Jemand mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung rast in doppelter Geschwindigkeit permanent von oben nach unten und ein Mensch mit Psychose befindet sich nicht nur in einer schwierigen Achterbahn, sondern wie auf Weltraummission im Orbit. Zu beachten ist aber, dass zum Beispiel auch ein depressiver Mensch manchmal an Höhe gewinnt und es dann auf den ersten Blick nicht mehr so gut erkennbar ist, dass er die restliche Zeit in tiefster Tiefe verbringt. Genauso ist auch ein gesunder Mensch einen gewissen Teil seiner „Fahrt“ unten in der Tiefe, obwohl er keinerlei Erkrankung hat. Es ist also nicht immer sofort und eindeutig sichtbar, wenn jemand eine psychische Erkrankung hat, denn die Grenzen verschwimmen erheblich.  

 

Wenn man diesen Metaphern betrachtet, wird deutlich, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen keine Wesen anderer Art sind, sondern viele auch bei Gesunden übliche Zustände und Befindlichkeiten eben in einer extremen Ausprägung durchleben müssen, die vom Grundprinzip eigentlich alle Menschen kennen.  

Ein Beispiel dafür ist Traurigkeit: Jeder kennt sie, niemand findet sie besonders angenehm und trotzdem gehört sie zum Leben dazu und begegnet uns immer wieder. Jeder Mensch hat dazu seine individuellen Bewältigungsmechanismen erlernt. Manche lenken sich mit Freunden ab und unternehmen gemeinsam etwas, andere verkriechen sich mit einem Becher Schokoladeneis im Bett oder lassen die Tränen bei einem Liebesdrama fließen. Wie auch immer diese Strategien aussehen, sie unterscheiden sich in ihrer Ausprägung meist deutlich von denen eines Menschen mit irgendeiner psychischen Erkrankung. Jemand mit Depressionen verlässt oft tage- oder wochenlang nicht sein Bett, vernachlässigt seinen Haushalt und seine Körperpflege, hört auf zu essen und zu trinken, weil ihm die Kraft fehlt, andere Betroffene entwickeln eine Suchterkrankung. Dies sind nur einige Beispiele für den unterschiedlichen Umgang mit unangenehmen Gefühlen oder Situationen. 

Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“, diese Weisheit, die die meisten wohl von ihren Eltern oder Großeltern kennen, lässt sich auch auf die psychische Verfassung übertragen, denn auf jeden zunächst noch so unangenehmen Gefühlzustand kann man so reagieren, dass man ihn am Ende relativ schadlos übersteht. Vielleicht werden bei dem einen oder anderen Gewitterregen mal die Füße nass, aber darüber kann man hinwegsehen bzw. sie wieder trocknen. 

 

 

So wie alle interessiert und mit Anteilnahme jederzeit über das Wetter reden, wird auch der vorurteilsfreie Umgang mit psychischen Erkrankungen immer selbstverständlicher.  

Ein zunehmend größer werdender Teil der Gesellschaft beschäftigt sich mittlerweile aktiv mit dem Thema und das ist auch dringend notwendig, denn die Zahl der Erkrankten steigt stetig an.  

Und damit glücklicherweise auch die Hilfsangebote. Jedoch greifen die meisten nur für „akut Kranke“ und es gibt wenig niedrigschwellige oder präventive Angebote. Eine aus Amerika kommende Idee soll diese Lücke nun auch bei uns in Oberbayern schließen: 

Das Ende 2019 in München eröffnete „Mental-Health-Café“ BERG & MENTAL ist  

deutschlandweit das erste seiner Art und ich habe es damals kurz nach Eröffnung besucht. 

 

Das Konzept ist einfach und funktioniert hervorragend: 

In einer angenehmen und ungezwungenen Atmosphäre soll eine gute Gesprächsbasis geschaffen werden – auch für das sonst eher etwas schwere Thema „psychische Gesundheit“. Obendrein gibt es Kaffee, Tee, leckeren selbstgebackenen Kuchen oder Snacks. 

 

Im hinteren Teil des Ladens werden Bücher sowie Postkarten und Geschenkartikel passend zum Thema verkauft. Außerdem befinden sich dort zwei Seminarräume, die für Veranstaltungen, die thematisch passend sind, vermietet werden. Das BERG & MENTAL bietet abends, nach Café-Schluss, Abendveranstaltungen wie Vorträge oder Themenabende an. 

Zudem gibt es eine „Flyer-Bar“, an der Unmengen an Prospekten verschiedener Organisationen, die mit psychisch Erkrankten arbeiten, ausliegen. Dort kann man zu diversen Themen Infomaterial finden und mit nach Hause nehmen.  

 

Die Betreiber nennen sich selbst liebevoll „mental Health Hütte“ und begründen diese für sie passende Bezeichnung mit den Assoziationen einer freundlichen und offenen Atmosphäre, wie man sie vielleicht von einer Berghütte als angenehm kennt. Auch die Inneneinrichtung des Cafés ist  danach ausgerichtet, man findet viel Holz, gedeckte Farben und Rustikales. 

 

Das BERG& MENTAL ist in etwa wie ein Unterstand, in welchen man sich bei Regen zurückziehen und neue Kraft tanken kann, bis der Schauer vorüber ist. Das Café weist sehr deutlich darauf hin, keine Krisenanlaufstelle zu sein – man würde ja bei einem gefährlichen Hurricane auch keinen einfachen Unterstand, sondern eher ein stabiles, fest verankertes Haus aufsuchen. 

Aber auch ohne Regen kann man diesen Unterstand aufsuchen. Er steht offen als inklusives Angebot auch für psychisch Gesunde oder Kranke, egal ob sie sich gerade gut oder schlecht fühlen. 

 

Meine eigenen Erfahrungen: 

Natürlich war ich neugierig und so bin ich im Februar 2019 nach München gefahren und was soll ich sagen ? Mein Besuch im BERG & MENTAL war durchweg schön ! Ich trat durch die Tür und sofort wehte mir – neben Kaffeegeruch – eine sehr angenehme und herzliche Atmosphäre entgegen. 

Ich wurde persönlich begrüßt und eingeladen, mich umzusehen. 

Von Stress, Druck und schlechter Laune merkte ich nichts. Alle Cafébesucher wurden beim Bezahlen sehr persönlich und liebevoll in ein Gespräch verwickelt, sämtliche Kommunikation geschah auf Augenhöhe. Es war genügend Zeit da für jeden Einzelnen. Wann hat man das sonst schon mal ? 

Teil des Konzepts ist es auch, dass man sich, sofern man das möchte, einfach zu einem zunächst unbekannten Menschen mit an den Tisch setzt, um neue Kontakte zu knüpfen. Es war für mich zuerst eine ganz schöne Überwindung, aber ich probierte es dann schließlich mit pochendem Herzen aus. Mit meiner heißen Schokolade setzte ich mich mutig zu einem allein sitzenden Mann mittleren Alters. 

Ich kam sehr schnell mit ihm ins Gespräch, er erzählte mir, er sei bereits zum zweiten Mal hier und er sei überrascht zu sehen, wie viele Menschen von dem Thema „psychische Erkrankung“ betroffen sind und auch wie unterschiedlich diese seien. Auch habe er einen ehemaligen Arbeitskollegen hier getroffen, womit er absolut nicht gerechnet hätte. 

Wir unterhielten uns auch eine Weile über die Entwicklung der Gesellschaft in Bezug auf psychische Erkrankungen. Dabei erzählte er mir dann auch von seiner Mutter und ihrer Generation und erinnerte sich daran, dass zu der damaligen Zeit noch wenig Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft vorhanden gewesen war.   

Das führte früher auch oft dazu, dass Menschen ihre Erkrankung vorsichtshalber geheim hielten und somit damals auch keine Chance auf adäquate Hilfe hatten.  

Wir stellten gemeinsam im Gespräch fest, dass  sich dies deutlich verändert hat. Man merkt das ja auch an Projekten wie dem BERG & MENTAL, welches zum Zeitpunkt meines Besuchs fast andauernd voll mit den unterschiedlichsten Menschen war. 

 

Gut, dass in unserer Gesellschaft ein solches Umdenken stattfindet, sie wird offener und auch dank solcher Orten wie dem BERG & MENTAL wird es immer alttäglicher, dass ebenso offen über seelische Gesundheit gesprochen wirdm, wie über körperliches Wohlergehen. 

Gerade in großen Städten ist oft ein großes Bedürfnis nach einem Ruheort vorhanden, welcher nicht zwangsläufig an irgendeine Art von Religion gebunden ist. Einfach mal ein paar Minuten durchatmen können, nur Zeit für sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse – das kommt heutzutage oftmals viel zu kurz.  

Gerade hierbei hat das BERG& MENTAL eine wahnsinnig wichtige Lücke geschlossen, zumindest im Münchner Stadtzentrum.  

 

Eine Mitarbeiterin, mit der ich mich auch lang unterhielt, erzählte mir, sie sei überglücklich, im BERG & MENTAL endlich einen Arbeitsplatz gefunden zu haben, der ihr Sicherheit vermittelt. „Ich weiß, wenn es mir mal schlecht geht, kann es hier jeder verstehen. Wenn ich mal eine Panikattacke habe, werde ich nicht gleich gefeuert“.  Sie wirkte sehr ausgeglichen und außergewöhnlich herzlich im Umgang mit den Gästen. 

 

Ich war fast ein bisschen traurig, als ich das Café nach fast 1,5 Stunden wieder verließ und doch ging ich mit einem Lächeln auf den Lippen, einem wohligen Gefühl und der Botschaft: 

 

Wir alle haben eine Psyche und somit kann eine psychische Erkrankung auch jeden treffen.  

Also: lasst uns darüber reden ! Im  BERG& MENTAL und überall sonst…